Offen und ehrlich sterbenden Menschen begegnen by Dada Peng

Und warum für mich junge Sterbende Superhelden sind

Die Journalistin Renate Werner wollte in einer Dokumentation für ARTE über meine Initiative berichten. Ich machte einen Aufruf bei Facebook, um Protagonisten für die Doku zu finden und Jana meldete sich noch am selben Tag des Postings. Wir hatten sofort eine Ebene und ich fragte Jana, ob sie Lust hätte, Teil der Dokumentation zu sein und sie sagte ganz spontan und direkt: Ja.

Natürlich ist ein Bild wie „Superhelden fliegen vor“ ein tröstlicher Gedanke für Hinterbliebene. Wenn ich dann aber einen Menschen treffe, der in jungen Jahren eine lebensverkürzende Krankheit hat, fällt es natürlich auch mir schwer zu sagen: „Du bist halt ein Superheld und fliegst vor, ist doch cool!“ Diese Gedanken mit jemandem zu teilen, der laut einer tödlichen Diagnose nur noch wenige Wochen zu leben hat, ist auch für mich eine Herausforderung.  Bei Jana war das der Fall. Sie war Mitte 30 und mit Krebs diagnostiziert. Als ich sie nach ihrer Lebenserwartung fragte, sagte sie mir im April 2018, dass sie noch bis zum Mark Foster Konzert im nächsten Januar durchhalten wolle. Sie schaffte es nicht. Aber in ihren letzten Monaten durfte ich sie und ihren Mann Jens, ihr Leben, ihre Sichtweisen und Lebenseinstellungen kennenlernen und von ihr lernen. Für mich ist sie der ultimative Superheld im Sinne unserer Initiative. Die erste Superheldin überhaupt.

Sie hat meinen Umgang mit Sterbenden geprägt und mich bis zuletzt und über ihren Tod hinaus ermuntert, das Bild der Superhelden und die Idee dahinter weiterzutragen.

Jana & Dada Peng

Jana – meine erste Superheldin überhaupt

Ohne Jana würde es unsere Initiative in der Form nicht geben.

In der ersten Zeit lernten Jana und ich uns nur durch die sozialen Medien und über WhatsApp kennen. Vor unserem ersten Telefonat war ich wahnsinnig nervös. Der Superhelden-Gedanke war mir erst einige Wochen zuvor gekommen und Jana war der erste Mensch, der erste erkrankte Mensch, dem ich nun persönlich davon erzählen würde. Ich stellte mich auf jegliche mögliche Reaktion über „Was für ein Quatsch“ bis hin zu „Ich leg jetzt auf“ ein.

Dann klingelte das Telefon. Es war Jana. „Hi!“, eine fröhliche und lebendige Stimme begrüßte mich. Sofort war das Eis gebrochen. Was ich just in diesem Moment lernte, war: Sterbende sind Lebende! Und wir alle sind Sterbende.

Warum haben wir immer direkt das Gefühl, mit Sterbenden behutsamer und mitleidsvoll umgehen zu müssen? Keiner von uns kennt den letzten Tag, an dem wir vorfliegen werden. Ich hätte durch einen Unfall oder ein Unglück noch vor Jana sterben können. Es gab also keinen Grund, warum ich ihr mit Sorge oder gar Angst gegenübertreten hätte müssen.

Diese Angst nahm Jana mir in diesem ersten Gespräch und mir wurde klar: Wir begegnen uns immer nur in einem Augenblick. Die Vergangenheit können wir nicht ändern, die Zukunft nicht bestimmen, aber wir können unsere gemeinsamen Augenblicke in der Gegenwart gestalten und erleben. Und das taten wir.

Die eigene Beerdigung planen – warum nicht?

Jana begann dann auch mein erstes Buch zu lesen und liebte es, Gedanken oder Geschichten daraus zu kommentieren. In einem Kapitel erzähle ich davon, wie meine Mutter mir und meinem Bruder ganz klare Anweisungen gibt, wer auf ihre Beerdigung erscheinen dürfe und wer nicht. Als Jana das las, schrieb sie mir direkt: „Wie geil ist das denn? Das mache ich auch!“ Ich überlegte scherzeshalber weiter in dem Buch, ob wir bei der Beerdigung meiner Mutter vielleicht tatsächlich mit Einlassbändchen arbeiten sollten. Prompt kam die nächste Nachricht von Jana: „Ich will auch Einlassbändchen!“

Jana nahm mir durch ihre offene Art nicht nur die Angst, sie auf ihre Beerdigung anzusprechen. Sie nahm mir auch die Angst, über meine eigene Beerdigung nachzudenken.

Und als ich das dann tat, hatte ich direkt Bilder im Kopf: Pommes Currywurst und Champagner beim Leichenschmaus, einen Welcome-Shot Vodka am Eingang zur Trauerfeier, meine Freunde der Miami-Pop-Gruppe „Spiegelblick“ spielen live und die Drag Queen Jessica Walker sitzt wie Alexis Carrington mit einem Riesenhut und verschleiert in der ersten Reihe und schluchzt immer viel zu laut: „Dada, Dada!“

Ich weiß nicht, wie die Trauergäste das Ganze finden würden, aber mir würde es gefallen!

Ich finde, die letzte Party muss auch die beste sein.

Die letzte Party sollte auch die Beste sein!

Irgendwann als Jana und ich so hin und her schrieben und telefonierten, da bemerkte ich, was wir eigentlich taten. Wir hatten Spaß daran, unsere eigenen Beerdigungen zu planen. Wir taten etwas eigentlich sehr Trauriges und genossen doch den gemeinsamen Augenblick, das gemeinsame Erleben. Denn noch lebten wir!

Superhelden fliegen vor

Einen der schönsten gemeinsamen Augenblicke, die Jana und ich erleben durften, war, als wir uns dann endlich persönlich kennenlernten. Ich hatte einen Auftritt in Dortmund, bei dem ich meinen Song „Superhelden fliegen vor“ zum ersten Mal präsentieren wollte.

Jana und ihr Ehemann Jens kamen extra den langen Weg von Stuttgart ins Ruhrgebiet, um dabei zu sein. Jana strahlte. Sie kam ganz ohne Kopfbedeckung und sah mit ihrem kahlen Kopf wunderschön aus. Wir feierten an dem Abend außerdem die Gründung unserer Initiative und Jana und Jens standen von Anfang an wie eine Wand hinter mir und sagten: „Das musst Du machen! Das ist super, wir brauchen das!“

Jana wurde ganz wunderbar von ihrem Jens unterstützt. Ich sagte ihr später am Abend auch, dass ich sie wirklich beneiden würde. Um diese Form der Partnerschaft. Um diese Form der Begleitung. In unseren Unterhaltungen fanden wir immer wieder eine ganz ausgeglichene, gemeinsame Ebene. Wir sahen uns nie als der Gesunde und die Kranke, der zu Beneidende und die zu Bemittleidende. Es waren einfach immer nur „Wir“. Wir mit unseren schönen Dingen im Leben und wir mit unseren weniger schönen.

An jenem Abend in Dortmund rückte die Präsentation meines Songs immer näher. Jana und Jens saßen ganz vorne. Als die ersten Töne erklangen, nahm Jens Jana ganz fest in den Arm und ich merkte wie sich meine Kehle ein wenig zuschnürte. Diesmal konnte ich nur singen, wenn ich die Augen schließen würde. Und so tat ich es. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich, dass Jana weinte. Der Song war zum Glück der Abschluss des Abends und so verabschiedete ich mich und konnte dann recht schnell von der Bühne. Auch mir liefen einige Tränen über das Gesicht. Nicht aus Traurigkeit. Es war eher eine Form der Dankbarkeit und des Glücks.

Jana kam direkt auf mich zu. Sie nahm mich in den Arm und sagte: „Weißte was? Genauso ist es. Ich bin ein Superheld – ich fliege vor.“

Es wurde noch ein wunderschöner Abend, mit Freunden, vielen Gin Tonics und einer ganz warmen, wohligen Stimmung. Wir feierten den Augenblick und das Leben.

Es sollte unsere einzige persönliche Begegnung bleiben.

Superhelden fliegen vor

Was sagt man, wenn jemand verstorben ist und die Worte fehlen?

Von Janas Tod erfuhr ich per WhatsApp, als mir ihr Mann über Janas Account eine Mitteilung schrieb: „Jana ist heute um 14.15 Uhr friedlich in meinem Arm eingeschlafen. Gruß Jens“

Ich hatte noch eine Woche vorher ausgiebig mit Jana telefoniert und obwohl sie über Schmerzen und körperliche Einschränkungen berichtete, war sie gut drauf. Wir lachten und im Vergleich zu vielen anderen Telefonaten, die ich tagtäglich führe, war das ein lebendig und positives, ein glückliches Gespräch.

Sie berichtete, wieviel positive Resonanz sie nach der Ausstrahlung des ARTE-Beitrags bekam, wie sie die Begegnung mit alten Freunden genoss und natürlich auch wie scheiße es war, sich machtlos gegenüber ihrer Krankheit zu fühlen. Aber sie beklagte sich nicht. Kein einziges Mal.

Nachdem ich erstmal einen Champagner auf Jana, auf ihr Leben und auf unsere Begegnung getrunken hatte, wollte ich Jens kondolieren. Ich hatte bereits die ersten Zeilen eingetippt: Lieber Jens, wie schrecklich. Es tut mir unendlich leid….“

Dann dachte ich an Jana und an das, was wir bei unserem ersten Telefonat vereinbart hatten. Mir fiel es darin schwer, ihr Sterben beim Namen zu nennen. Ich sagte immer wieder Sachen wie: „In Deiner Situation“ oder „wenn man Deine Diagnose hat.“ und ähnliches. Irgendwann sagte ich: „Jana, ich merke die ganze Zeit, dass es mir schwer fällt, ganz offen zu reden, weil ich Dir nicht zu nahe treten möchte und auch auf gar keinen Fall Deine Gefühle verletzten will. Aber wenn das für Dich okay ist, würde ich gerne einfach sagen, was ich denke und wenn Du Dich an irgendeiner Stelle damit unwohl fühlst, dann sag es, ok?“

Jana erwiderte nur: „Ja klar, gar kein Problem!“

„Okay, also Du stirbst, richtig?“

„Ja, ich sterbe.“ sagte Jana.

Und dann haben wir diese direkte und offene Kommunikation beibehalten. Für mich eines der größten Geschenke, die Jana mir hinterlassen hat. Angstfrei, wertfrei und offen über das eigene Sterben und über den Tod reden zu dürfen.

Als ich nun Jens bei WhatsApp zurückschreiben wollte, merkte ich, dass sich in mir Widerstand regte. Schon der erste Satz „Wie schrecklich!“ – warum schrecklich?

Jana und ich hatten ausgemacht, dass wir immer sagen können, was wir denken, was wir von Herzen sagen möchten. Warum sollte ich das nun nicht mehr tun, nur weil sie gestorben war? Ich dachte daran, was ich von Jana gelernt hatte: Kein Mitleid mit Sterbenden. Sterbende sind Lebende. Glitzer und Champagner gerne und zu jeder Zeit.

Also löschte ich den bereits eingetippten Text und schrieb:

„Lieber Jens, liebe Jana! Ich glaube fest daran, dass der Tod ein Übergang von dem einen in den anderen Daseinszustand ist. Ich weiß aber auch, dass es sehr schwer ist, wenn man den Weg gerne gemeinsam gegangen wäre und nun alleine vorangehen oder zurückbleiben muss. Ich wünsche Euch beiden viel Kraft, Mut und Hoffnung! Ihr habt mich und unsere Idee der Superhelden stark beeinflusst und begleitet. Meine Telefonate mit Jana haben einen direkten Einfluss auf den Kurs der Initiative gehabt. Dafür bin ich sehr dankbar! Jana war die erste, die als betroffener Mensch zu mir gesagt hat: “Bleib dran mit der Initiative. Mach das! Wir sind alle Superhelden, ich bin auch einer, ich fliege vor.“ Liebe Jana, du bist unser erster Superheld und ich werde nicht müde werden, von Dir zu erzählen! Lieber Jens, auch Dir Danke und alles Liebe für die nächste Zeit. Wenn Du magst, melde Dich gerne!“

Die Beerdigung als Final Party , als Feier des Lebens!

Janas Grabtafel

Als Jens mir die ersten Bilder von der Beerdigung per WhatsApp schickte, war ich zum einen sehr gerührt, glücklich und mir sicher, dass sie mich mehr verstand, als viele noch lebende Menschen, die zwar körperlich sichtbarer waren als sie, aber definitiv nicht präsenter oder lebendiger.

Bunte Luftballons flogen in den Himmel; begraben wurde Jana in einem Friedwald, Fotos von Jana, ihre Lieblingssachen und Grußkarten lagen unter ihrem Baum. Eine Gedenktafel mit ihrem Namen und ihren Lebensdaten erinnern seitdem an diese wunderbare Frau. Auf der Gedenktafel wurde auf Janas Wunsch hin noch eine Inschrift eingearbeitet. Direkt über ihrem Namen steht geschrieben: „Superhelden fliegen vor“.