Neue Wege in der Sterbebegleitung und Hospizarbeit by Dada Peng

Kiffen im Hospiz?

Nach einer meiner letzten Lesungen wurde mir von einem jungen Mann erzählt, der mit Mitte 40 nun auf der Zielgeraden seines Lebens angekommen war. Seit seiner Jugend war er leidenschaftlicher Kiffer gewesen und konnte nun kein Hospiz finden, in dem er bis zuletzt auch in seinem Zimmer exzessiv hätte kiffen können.

Eine befreundete Filmemacherin erzählte mir kürzlich, dass sie in Begleitung eines Kameramanns einen todkranken jungen Mann im Hospiz besuchen wollte, damit dieser für seine Tochter noch ein Video mit einer kurzen Botschaft aufnehmen könne. Das wurde ihr von der Hospizleitung untersagt, da man befürchtete, andere Bewohner könnten sich durch das Hineintragen der Kamera gestört fühlen und es wurde mit der Fürsorgepflicht für andere Bewohner argumentiert.

Aus einem anderen Hospiz wurde mir erzählt, dass ein Bewohner, der sehr selten nur Besuch bekam, sich gerne über Amazon Prime noch blaue Hausschuhe bestellen wollte. Da er allerdings keinen Handyempfang im Zimmer hatte und das Hospiz nicht mit WIFI ausgestattet war, musste er mehrfach die Schwestern bitten, ihm blaue Hausschuhe in der Stadt zu besorgen.

Kiffen im Hospiz?

Wir sagen ja so schön 50 ist das neue 30. Und da ist auch etwas Wahres dran. Unsere Leben haben sich verändert. Die Rolling Stones stehen noch mit über 70 auf der Bühne und rocken.

Das bedeutet aber auch, dass wir die Sterbenden von heute nicht mehr mit der Kriegsgeneration vergleichen können. Die Bedürfnisse, insbesondere von jungen Sterbenden, haben sich verändert.

Es gibt mittlerweile krebskranke Menschen, die ganz offen und offensiv mit ihrer Krankheit umgehen, darüber bloggen und noch im Sterbebett bei Facebook live gehen, um sich von ihren Followern zu verabschieden.

Neue Wege in der Sterbebegleitung

Das sind ganz neue Wege der Sterbegestaltung. Das sind mutige und innovative Menschen, die ihr Schicksal und ihren letzten Weg selbst gestalten.

Vereine, Verbände, Initiativen und die Politik sind seit Jahren in erster Linie für die Ausrichtung der Hospizbewegung zuständig. Wir selbst drücken uns auch sehr gerne vor dieser Aufgabe. Viele Menschen haben Angst vor dem Thema und vor der Gewissheit einmal einen geliebten Menschen zu verlieren bzw. selbst zu sterben.

Vereine, Verbände. Initiativen und die Politik sind aber in den meisten Fällen schwerfällig, und entweder kirchlich oder sozial geprägt.

Im digitalen Zeitalter können viele da nicht mithalten. Die Zeiten ändern sich rasant und oftmals sind Sterbende dem Hospiz, in dem sie ihre letzten Tage verbringen, 20 Jahre voraus.

Jetzt kommt es auf uns alle an.

Den Tod und das Sterben in die Mitte der Gesellschaft rücken – jetzt!

Jetzt kommt es auf die Mitte der Gesellschaft an. Künstler, Köche, Taxifahrer, Designer, Rotlichtschwalben, Fotografen, Sänger, Tänzer, Wurstverkäufer, wir alle müssen uns einmischen, damit Hospize unserer Realität entsprechen. Damit es Räume für Kiffer, Säufer und Huren gibt. Damit Playstations, Smart TVs und WIFI zur Grundausstattung gehören, damit wir bis zum letzten Atemzug so gut es geht selbst bestimmt leben können. Selbstbestimmt einkaufen, selbstbestimmt Musik hören, selbstbestimmt guten Kaffee trinken.

Wir brauchen neue Wege in der Sterbegestaltung, neue Straßen in der Sterbebegleitung!

Wenn wir im Auto sitzen und bereits losgefahren sind, wird es schwierig, wenn wir die vorhandenen Straßen verlassen möchten, weil sie uns nicht an unser selbstgestecktes Ziel zu bringen scheinen. Insbesondere in der letzten Lebensphase ist Kraft sehr kostbar und kann viel besser an anderen Punkten eingesetzt werden. Wenn wir unsere Straße, unseren ganz eigenen Weg bereits jetzt schon bauen und ihn auch für andere bereitstellen, dann können wir die Fahrt am Ende vielleicht sogar ein wenig genießen.

Leben ist so bunt und vielfältig. Genauso muss auch das Sterben sein.

Lasst uns mutig sein, neue Straßen erdenken, erbauen und befahren!

Auf das Leben!

DP